Samtrot

Der König des Burgunders


Eine Dokumentation
von Hermann Able

Im Rahmen dieser kleinen Dokumentation habe ich wichtiges und informatives zum Samtrot zusammen getragen. Untrennbar verbunden mit der Entwicklung der jungen Rebsorte ist der Name Hermann Schneider.

Siegfried Schilling schreibt im Heilbronn-Journal 1982 Nr. 6 :
Als "Schwarzriesling-Schneider" ist Hermann Schneider in die Weinbau-Geschichte eingegangen. Seine Rebenselektionen Schwarzriesling, Trollinger und Clevner machten ihn zu einem landesweit bekannten Experten. Er war ein unermüdlich Tätiger, sich ständig um das Gemeinwohl und den Weinbau bemühender "aufrechter und mannhafter Vertreter der Weingärtner", wie ihn Oberbürgermeister Paul Meyle einmal charakterisierte.

Nicht zuletzt war Hermann Schneider auch Politiker, wobei sich hier gewisse Parallelen zu Otto Haag abzeichnen. Als Weinbau-Präsident war er dessen Vorgänger. Wie dieser wirkte er im örtlichen Bereich, im evangelischen Kirchengemeinderat sowie vor allem im Heilbronner Gemeinderat. Ihm gehörte Hermann Schneider von 1933 bis
1935 und dann wieder von 1946 bis 1955 an. Als Beiratsmitglied zählte er ab Oktober 1945 zu den "Männern der ersten Stunde". Der Wiederaufbau bedeutete für ihn nach schweren Schicksalsschlägen neuen Lebensinhalt.

Doch das Wirken von Hermann Schneider wies über die Standes- und Fachfragen und über die Kommunalpolitik hinaus. Schon am 30. Juni 1946 wurde er in die verfassunggebende Landesversammlung von Württemberg-Baden gewählt und anschließend saß er bis 1952 für die DVP im Landtag. Er war dort nicht nur Repräsentant seiner Vaterstadt, er galt als ein angesehener Fachmann und lauterer Politiker, dem vielfältiges Vertrauen zuteil wurde.

In einem Nachruf auf den 1955 Verstorbenen hieß es: "Er trug die Berufsbezeichnung Weingärtner" wie einen Titel. In seiner Wirksamkeit für den Stand ist sein Wesen beschlossen.


In einer Mitteilung der Württembergischen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg werden folgende Informationen zum Samtrot gegeben:

„Samtrot, die neue Rotwein-Rebsorte

In 20 jähriger Arbeit ist es Herrn Weingärtner Schneider aus Heilbronn und dem württbg. Rebenzüchter Landwirtschaftsrat Herold aus Weinsberg, gelungen, dem württembergischen, darüber hinaus aber auch dem deutschen Weinbau eine neue, mit guten Eigenschaften ausgestattete Rebsorte zu übergeben und zugleich auch zum allgemeinen Anbau zu empfehlen.

Bei der Sorte handelt es sich um eine Rebe, die aus dem Schwarzriesling-Schneider-Klon 26/8 herausmutierte.

Die neue Sorte ist in den staatlichen Rebanlagen Weinsberg, Gundelsheim und Wildeck, sowohl im Muschelkalk wie auch im Keuperboden angepflanzt. Die insgesamt im Ertrag stehende Fläche beträgt rund 70 Ar mit 3400 Stock. Die älteste Ertragsanlage wurde 1937 in Gundelsheim gepflanzt, dann folgten 1940 und 1942 weitere Anlagen in Wildeck.

Inzwischen wurden 1948 und 1949 zusätzlich 185 Ar Weinbergsfläche mit rund 5000 Stock neu angelegt.

Eine der wichtigsten Faktoren ist natürlich die Weinqualität. Sie ist ausschlaggebend für die Anbauwürdigkeit einer Rebsorte. Von einem guten Rotwein muss neben anderem vor allen Dingen Farbstoffkräftigkeit, Samtigkeit, Zartheit und Rotweincharakter verlangt werden. Der Wein der neuen Rebsorte besitzt weitgehend die angeführten Rotweineigenschaften. Kommen solche nicht zum Ausdruck, so dürfte unsachgemäße Traubenverarbeitung, Most- und Weinbehandlung die Ursache sein. Es ist die Aufgabe eines Kellerwirts, natürliche und wertvolle Charakteranlagen, die schon in der Traube vorhanden sind, in quantitativer und qualitativer Hinsicht im Wein zu einer harmonischen Ausgeglichenheit entwickeln zu lassen.“

Hermann Schneider schreibt:
„Mein Vater, der ein scharfer Verfechter des Qualitätsweinbaus war, begann schon vor über 60 Jahren mit der Selektion des Clevners (Massenauslese). Von 1902 ab führte ich diese Arbeit der Auslese bzw. Klonenauslese weiter und dehnte sie auf die Sorten Weißriesling, Schwarzriesling, Trollinger, Affenthaler und Lemberger aus. Am schnellsten kam ich beim Schwarzriesling zum Ziel, bei dem sich die inzwischen altbekannte Tatsache herausstellte, daß die grünlaubigen Stöcke gesünder und fruchtbarer sind als die rotlaubigen.
Der in Menge und Güte befriedigende grünlaubige Schwarzriesling-Klon 26/8 wurde schon vor rund 20 Jahren ins Hochzuchtregister der D.L.G. eingetragen. Er mutiert stark in Richtung Clevner/Burgunder.

Im Laufe der weiteren Jahre suchte ich in meinen Schwarzriesling-Anlagen laufend nach derartigen Aufspaltungen, kennzeichnete sie und stellte alljährlich Menge und Güte der auf ein und demselben Stock gewachsenen Schwarzriesling und Aufspaltungsfrüchte (Clevner) gesondert fest. Dabei stellte sich heraus, daß die letzten Trauben meist 4–5 Grad Öchsle mehr und 1-1½ Promille Säure weniger aufwiesen. Da dieses Verhältnis dem durchschnittlichen Unterschied normaler Schwarzriesling- und Clevnersäfte entspricht, lieferten also die Trauben der Mutation echte Clevner- (Burgunder-)Säfte; außerdem war auch die Farbe der Kämme sattgrün, während echte Schwarzrieslingtrauben grasgrüne Kämme haben. Diese Arbeiten waren insofern außerordentlich erschwert, weil die damaligen Anerkennungskomissionen der D.L.G. sehr streng, manchmal geradezu bürokratisch vorgingen und diese Mutationen immer sofort abschneiden wollten.
Einmal entdeckte ich bei einem Nachbarn, der etwa ½ Morgen mit meinem Schwarzriesling angelegt hatte, eine ganz wunderbare Clevner-Mutation, die im Ertrag dem fruchtbarsten Schwarzriesling standhielt, obwohl er im Typ ein ausgesprochener Clevner war. Trotz meiner dringenden Bitte, den Stock zu schonen, damit eine Vermehrung und Auswertung vorgenommen werden kann, mußte der betreffende Weingärtner im Beisein der Kommission den Stock sofort, d.h. kurz vor dem Herbst abschneiden.

Ich habe in damaliger Zeit nicht nur meine eigenen Weinberge, sondern auch alle Anlagen, die mit anerkanntem Holz aus meinen Beständen beliefert wurden, alljährlich durchgeprüft und so ein Bild über das Verhalten der Klonen auch unter anderen Standortverhältnissen bekommen. Bei dieser jährlichen Durchprüfung der Anlagen entdeckte ich einen Weinberg des Weingärtners Wilhelm Albrecht, Heilbronn, der ganz mit einem Schwarzriesling-Klon 26/8 bestockt war, eine besonders auffallende Mutation, die mit schönen, großen und vollkommenen Trauben behangen war.
Anläßlich einer Rebenanerkennung, die ich mit dem Leiter der staatlichen Rebenzüchtungsanstalt, Herrn Landwirtschaftsrat Herold, vornahm, besichtigten wir auch die betreffende Schwarzriesling-Anlage. Wir waren beide der Ansicht, daß man diese erfolgreiche Mutation nicht untergehen lassen dürfe, ohne sie züchterisch ausgewertet zu haben.“

„Ein schöner Erfolg der Rebenzüchtung“

Unter diesem Titel berichtet Landwirtschaftsrat Herold, Weinsberg, über die Entdeckung und den Werdegang des Samtrot:
„Durch Mutation können selbständige neue Sorten entstehen. Es war Herr Schneider aus Heilbronn schon frühzeitig bekannt, daß sein Schwarzriesling-Klon 26/8 derartige Erscheinungen aufweist, die wahrscheinlich auf einer Genmutation beruhen.
Die Mutation zeigt sich beim Schwarzriesling darin, daß sich an den behaarten Blättern unbehaarte Stellen zeigen. Man findet sie in Stecknadelgröße an einzelnen Blättern, die auch an ganzen Trieben sein können.
Es fällt auf, daß schon bei den kleinsten Blättern die unbehaarte Komponente bedeutend stärker wächst als die behaarte. Es scheint offenbar, daß der dichte Haarfilz des Schwarzrieslings die Assimilation störend beeinflußt, wodurch auch die höheren Mostgewichte des Mutanten erklärbar wären.
Die Möglichkeit ist nicht von der Hand zu weisen, daß bestimmte Böden und Unterlagsreben oder sonstige Umweltverhältnisse mutationsauslösend wirken. Am meisten konnte ich seither die Mutation beobachten in Lehmböden und in Propfrebanlagen der Unterlage 3309.
Schon frühzeitig hat Herr Schneider den Rebzuchtinspektor Mittmann, Offenau, auf diese Mutation aufmerksam gemacht und ihm auch das Material zur Beobachtung zur Verfügung gestellt.
Bei der Durchführung der Rebanerkennung 1928, bei welcher Herr Schneider mitwirkte, fiel ein mutierender Stock ins Auge. Inmitten einer 16 Ar großen Weinbergsanlage des Herrn Wilhelm Albrecht in Heilbronn mit Schwarzriesling-Klon 26/8 zeigte nur dieser Stock eine mutative Veränderung in Form eines einzigen Triebes. Das Holz des Stockes wurde geschnitten und vermehrt. Das Eigentümliche war, daß die Nachkommen des gesamten Stockes und nicht allein, wie zu vermuten war, des mutierenden Triebes, Mutanten-Nachkommen ergaben. An dieser Nachkommenschaft erkannte ich die Genmutation und vermutete in ihr mit Recht eine selbständige Sorte. Die inzwischen vergangenen 21 Jahre haben es bestätigt.

Schon als Kleinklon in der Vorprüfung am Fuße der Weibertreu im Keupermergel angebaut, zeigte es sich in mehrjährigen Versuchen, daß die Mutation sichere Erträge liefert, die Mostgewichte je nach Jahrgang 5-10 Grad Öchsle höher lagen als die Ausgangssorte. Die Traubenform und der Geschmack der Trauben neigte zum Burgunder bzw. Clevner hin. Der in Glasballons ausgebaute Wein stand über dem Schwarzriesling-Wein.
In der Zwischenprüfung im Jahre 1934 mit 150 Stock angebaut, konnte der Wein bereits in kleineren Gebinden ausgebaut und auf Flaschen abgefüllt werden. Das Ergebnis im Vergleich zum Schwarzriesling Schneider 26/8 war dasselbe wie in der Vorprüfung. Der im Faß und auf Flaschen ausgebaute Wein hat in Versuchsproben, bei welchen maßgebende württbg. Weingärtner beteiligt waren, in jedem Jahrgang den Schwarzriesling bei weitem übertroffen. Er überragte durch seine samtige, spritzige, elegante Art und seinem Clevner-Charakter.
Im Jahre 1937 kam die Mutation in die Hauptprüfung mit 1100 Stock.
Sie wurde angepflanzt im Muschelkalkboden im Betrieb Gundelsheim, Lage Wolkenstein, im Vergleich mit Schwarzriesling 26/8 und unserem besten Klon der Sorte Spätburgunder, Klon 67. Bereits im Jahre 1939/1940 konnte der Wein in größeren Gebinden ausgebaut werden. In diesem Vergleichsversuch hat die Mutation in Ertragsmenge den Schwarzriesling und Spätburgunder übertroffen. In der Weinqualität lag sie über dem Schwarzriesling und kam dem Burgunder fast gleich.

Während meiner langen Abwesenheit wurde die Mutation weiter verfolgt und steht heute in den Weinbergen der württbg. Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau, Gesamtstockzahl 13400. Auch in verschiedenen Weinbaubetrieben des Landes wurden frühzeitig schon Versuchsanlagen angelegt. Die Pläne sind während meiner Abwesenheit leider verlustig gegangen, so dass auf diese Anlagen nicht mehr abgehoben werden kann.
Verlustig gingen auch die gesamten Versuchsergebnisse aus den Jahren 1929 bis 1941. Interessantes Vergleichsmaterial ist daher nicht vorhanden.

Die Versuchsergebnisse des Jahres 1948 sollen jedoch das Bild in etwa veranschaulichen:
Anlage: Weingut Gundelsheim
Boden: Muschelkalk
Sorte Stockertrag in kg Mostgewicht Säure
Schwarzriesling 26/8 1.47 91 Grad 7,0gr/00
Spätburgunder Klon 67 1.40 100 Grad 6,7gr/00
Mutation 2.10 102 Grad 7.0gr/00

Welche Vorteile bietet nun dem Weingärtner die neue Rebsorte?
Für die unteren Weinbergslagen hat uns seither eine Rotweinsorte gefehlt, in der sich Qualität und sicherer Ertrag paarte.
Die Sorte Schwarzriesling gab uns wohl gute Erträge in der Jugend, sie ging jedoch mit zunehmendem Alter im Wachstum und Ertrag zurück. Der Schwarzriesling musste frühzeitig geerntet werden, da er besonders in Wurmjahren infolge stärkeren Befalls stark zur Fäulnis neigte. Der Wein war zufriedenstellend, konnte jedoch nicht als ausgesprochener Qualitätswein angesprochen werden. Der für dieselbe Lagen in Frage kommende Spätburgunder bzw. Clevner liefert uns einen ausgezeichneten Qualitätswein, ist aber infolge seiner unbeständigen Blüte im Ertrag unsicher.

In der neuen Sorte finden wir die Vorteile beider vereinigt.
1. Sie liefert uns sichere und größere, zumindest dieselben Erträge wie Schwarzriesling Schneider 26/8.
2. Der Wurmbefall ist bei normaler Bekämpfung geringer als beim Schwarzriesling und Burgunder.
3. Die Widerstandskraft gegen Frühjahrsfröste ist erheblich größer.
4. Nach eingetretenen Frühjahrsfrostschäden treiben die Beiaugen noch zufriedenstellend. Auch heuer stehen in unseren frostgeschädigten Anlagen der Sorte Schwarzriesling und Spätburgunder beide Sorten ohne nennenswerte Erträge da. Die Mutation jedoch hat schöne, vollkommene Trauben nachgetrieben, die selbst in der Reife bisher befriedigten.
5. Gegenüber dem Schwarzriesling, welcher frühzeitig altert und im Ertrag und Wachstum zurückfällt, zeigt die neue Sorte diese Erscheinung nicht, sondern sie steht auch in heute 13 jährigen Anlagen in normalem Wachstum.
6. Der Wein ist in der Qualität besser als der Schwarzriesling und kommt sogar dem Burgunderwein nahe.

Die neue Sorte ist daher berufen, den Spätburgunder, soweit man die evtl. geringere Qualität in Kauf nehmen will, zu ersetzen. Sie gedeiht in allen Lagen, in welchen seither der Schwarzriesling und Burgunder gepflanzt wurde.
Sie liebt tiefgründigen bis mittelschweren Boden in den unteren bis mittleren Weinbergslagen.
Das Wachstum ist mittelmäßig bis kräftig.
Die Blätter sind dreilappig, es kommt auch Fünflappigkeit und runde Form vor. Die Stilbucht ist lyraförmig, der Blattstiel mittellang, grün bis weinrötlich.
Die Farbe der ausgewachsenen Blätter ist obenseitig dunkelgrün, unterseitig hellgrün.
Die Traube ist klein bis mittelgroß, walzenförmig und dichtbeerig. Der Traubenstiel ist kurz und dick.
Die Beeren sind klein bis mittelgroß und schwarzblau.

Bevor nun die neue Rebsorte den Weg ins Leben nimmt, muss sie getauft werden. Mutation, unter welcher Bezeichnung sie bisher lief, war nur ein Zwischenname als Zuchtbezeichnung. Unter vielen Vorschlägen wurde ein Namen von Direktor Klenk, Weinsberg, gewählt, der den Charakter und die Farbe des Weines kennzeichnet.

Ich übergebe die neue Rebsorte mit dem Taufnamen „Samtrot“ der Praxis und verknüpfe damit den Wunsch, der Samtrot möge unserem Weinbau Freude, reiche Ernten und immer einen vorzüglichen Rotwein bringen.“
(Die Taufe fand 1950 im Beisein Führender Vertreter des württbg. Weinbaus in der Hildt´schen Villa in Weinsber statt. Hermann Schneider, dessen Frau Luise hieß, plädierte für „Luisenrot“).

Ernst Klenk 1948 bis 1970 Direktor der Staatl. Lehr- und Versuchsanstalt in Weinsberg, schrieb folgende Worte zum Samtrot:

„Allgemeine Beurteilung des Samtrotweins

Je nach Reife und Behandlung ist der Wein rubinrot bis dunkelrot. Bei Voll- und Überreife sind außerdem auch blaue und mehr oder weniger braune Farbstoffe vorhanden. Dies ist ein Vorgang, der auch bei allen anderen Rotweinsorten auftritt.

Der Wein ist gütemäßig wertvoller als der Schwarzriesling, aber geringer als der Burgunder und stellt so allgemein gesehen eine Qualität dar, die zwischen den beiden Sorten steht.

Charakterlich zeigt der Samtrot wenig Schwarzriesling - dagegen mehr Burgundereinschlag. Die Fülle und die Feinheiten des Burgunders erreicht er aber nicht. Im Vergleich zu Schwarzriesling und Burgunderarten, wozu auch der Clevner gehört, zeigt der Samtrot beim Verkosten am Schluss, also beim Abgang, ganz besonders in noch jungem Entwicklungsstadium, sich etwas fester und kerniger, als dies beim Schwarzriesling und Burgunderarten der Fall ist.
Seine Entwicklung auf der Flasche ist ganz besonders bei längerer Lagerung eine vorteilhafte. Duft, Geschmacks- und Bukettstoffe und sonstige Entwicklungsveränderungen zeigen mit zunehmender Flaschenreife immer mehr die Feinheiten eines gütemäßig wertvollen Burgunder-Weines.
Allgemein gesehen handelt es sich um einen zarten, samtigen, feinen, sehr beachtenswerten Rotwein. Die neue Rebsorte ist es deshalb wert, ihr nicht nur die Klon-Nummer der abstammenden Sorte, sondern ihr einen anderen Namen zu geben.

Auswertungen aus den Jahrgängen 1945 und weiter zurück waren vorhanden, sind aber durch Kriegseinwirkungen verlustig gegangen. Hinzu kommt noch, daß der Leiter unserer Abteilung Rebenzüchtung und Rebenpropfung, Herr Landwirtschaftsrat Herold, 1941 zur Wehrmacht eingezogen wurde und erst 1948 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte.
Während der Abwesenheit von Herold wurde Anbau und Auswertung von unserem Weingartmeister Arnold, Offenau, vorgenommen. Ihm oblag nicht nur die weinbergmäßige Pflege, sondern auch der Ausbau des Weins im Keller bis einschließlich des Jahrgangs 1945. Die Oberaufsicht führte zu dieser Zeit Herr Landwirtschaftsrat Raab, Weinsberg.
Bezüglich der Namengebung der neuen Sorte wurde davon ausgegangen, ihn einfach kurz und verständlich zu wählen. Der Name Samtrot besagt mit „Samt“ zugleich die bei einem Rotwein gewünschte Samtigkeit und mit "Rot", daß es sich um einen Rotwein handelt.“

Die Heilbronner Samtrot-Selektion

1954 pflanzte mein Schwiegervater, Adolf Rechkemmer, eine der ersten Samtrotanlagen in Heilbronn an. Die Erträge waren zufriedenstellend. Der Wein fand Anklang. Man glaubte diese Rebsorte, die ja vor einigen Jahren mit „Samtrot" einen geradezu klassischen Namen bekommen hatte, problemlos anbauen zu können.
Obwohl man wusste, dass der Samtrot blüteempfindlich ist und rasch mutiert, schenkte man der Selektion nicht die erforderliche Beachtung. Die Auswirkungen waren verheerend, denn die Erträge wurden so gering, dass manche Anlagen schon im 7. Standjahr ausgehauen wurden.

1968 bildeten wir im Auftrag des Weinbauverbands in Heilbronn eine Selektionsgruppe Samtrot. Sie bestand aus Hermann Blankenhorn, Verwalter des Sturmfeder`schen Weingut in Schozach, sowie den Weingärtnern Robert Drauz, Karlheinz Springer und Hermann Able.
Wir fanden nach zweiwöchiger, intensiver Selektion in Heilbronn, Flein, Lauffen, Schozach und Hausen ca. 25-30 Stöcke, die wir mit weißen Bändern positiv auszeichneten. In Gundelsheim, wo die Weinbauschule zu dieser Zeit die Reben zur Vermehrung schnitt, war nach unserem Ermessen kein Stock vermehrungswürdig.
Nachdem wir die von uns ausgezeichneten Stöcke 3 Jahre lang beobachtet hatten, blieben nur 12 übrig, von denen wir etwa 60 Reben schnitten, sodass im Frühjahr 1971 ca. 300 Propfreben zur Verfügung standen. Doch niemand wollte sie haben. Hermann Blankenhorn, der ja von Anfang an mitarbeitete, konnte uns schließlich behilflich sein. Bei ihm wurde das erste von uns selektionierte Pflanzmaterial gesetzt.

Gut 30 Jahre später ergibt sich folgende Situation: Die Samtrot-Selektionsgruppe Heilbronn, längst in jüngere Hände übergegangen (Martin Able, Martin Heinrich, dieter Rechkemmer und Wolf Rechkemmer), leistet nach wie vor gute Arbeit. Trotzdem wird es immer schwieriger den großen Bedarf an Schnittreben sicherzustellen. Vor 10 Jahren wurden in der Heilbronner Rebveredlungsanstalt 6000 Samtrot-Propfreben verkauft, im Jahr 2002 waren es 23000.
Von den ursprünglich zwölf Einzelstöcken hat der Weinbauverband drei beim Bundessortenamt als Klone angemeldet. Sie werden voraussichtlich bis zum Frühjahr 2002 unter der Bezeichnung Spätburgunder-Klon-Samtrot ins Sortenregister eingetragen. Darüber hinaus hat die Staatl. Lehr- und Versuchsanstalt Weinsberg fünf Samtrot-Klone in der Prüfung. Damit ist gesichert, dass auch in Zukunft gesundes, ertragsfähiges und qualitätsförderndes Samtrot-Pflanzgut zur Verfügung steht.

Dr. Gerhard Götz, von 1970 bis 1994 Direktor der Staatl. Lehr- und Versuchsanstalt in Weinsberg, schreibt über den Samtrot:

„Allgemeine Beurteilung:
Ein Blick in die Statistik zeigt steigende Tendenz im Anbau.
Anbaujahr 1964 1979 2000 2001
Rebfläche ha 30 75 136 265
Daraus ergibt sich, dass verantwortungsbewußte, qualitätsorientierte Wengerter diese Sorte schätzen und ihr für die Zukunft (zu Recht) eine Chance im Sortiment einräumen. Die Bemühungen um die Auslese ertragstreuer Stöcke und damit die Festigung der Erträge gegenüber den 50er Jahren auf einem heute doch befriedigenden Ertragsniveau haben sich ausgezahlt.
Bei den Burgundersorten wird der Samtrot in den richtigen Lagen (keine Müller-Thurgau Standorte) ein gutes Faustpfand im Wettbewerb und sollte m.E. viel stärker als Rarität und besonders als Spezialität insbesondere im unteren Neckartal gepflegt und selbstbewußt herausgestellt werden. Potenzial für den weiteren Anbau ist m.E. noch im Muschelkalk und Gipskeuperland in mittleren bis guten Lagen vorhanden.
Weinbeurteilung:
Tief rubinrot in der Farbe, zart in der Frucht, samtig in seiner Fülle, warm, füllig, feurig. Sehr ausgeglichen durch dezente Säure bei rundem Geschmack und kräftigem Körper.
Sein Alterungspotenzial bringt vor allem mit Holzfassausbau und nach mehrjähriger Flaschenreife vollendete Harmonie bei verhaltenem Feuer und ist somit ein Festtagswein, krönt sozusagen das festliche Mahl, insbesondere als Spät- oder Auslese.
Sortenbeschreibung:
Gegenüber den (überwiegend) reichtragenden Spätburgunderklonen bringt der Samtrot etwas geringere Erträge bei meist kleineren und kleinbeerigen Trauben. Dies erweist sich aber heute als großer Vorteil: Farbausbeute, Gehalt an reifen Tanninen, sein Mostgewicht und naturgemäß auch der Extraktgehalt der Moste liegen höher. Daraus resultieren im Endeffekt die zarteren, nobleren und geschliffeneren Weine unter vergleichbaren Bedingungen. Ältere Weinberge bringen dabei naturgemäß noch eine weitere Steigerung. Bei der derzeit herrschenden Nachfrage nach hochwertigen Rotweinen hat Württemberg mit dieser Nobelsorte ein herausragendes "Rennpferd" im nationalen und internationalen Wettbewerb.“

Alfred Gaiser, seit 30 Jahren Kellermeister der WG Lauffen, mit einer Anbaufläche von 14 ha Samtrot, charakterisiert diese Rebsorte mit folgenden Worten:
„Aus der Sicht des Kellerwirts ist der Samtrot im Ausbau eine unproblematische Rebsorte. Bedingungen sind allerdings:
1. Gesundes Lesegut
2. Mostgewicht über 80 Grad Öchsle
3. Erträge unter 100 kg/Ar“

Der erfahrene Rotweinexperte stellt eine 1999er Lauffener Katzenbeißer Spätlese so vor:
„Aus vollreifen und gesunden Trauben wurde ein großartiger Rotwein gewonnen. Optisch besticht dieser Wein durch eine warme, leuchtende Rotweinfarbe. Im Duft zeigt er eine deutliche, wunderschöne und ausgeprägte Burgundernote. Die milde Fruchtsäure sorgt für den ausgeglichenen, runden und harmonischen Charakter. Die samtig-weiche Prägung wird durch den harmonisch abgestimmten Restzuckergehalt optimal unterstrichen. Bereits im jungen Stadium geizt dieser Wein nicht mit seinen Reizen, eine gewisse Reife steht im sicherlich gut zu Gesicht.“

Die Genossenschaftskellerei Heilbronn-Erlenbach-Weinsberg gibt einem Samtrot Kabinett trocken der Rosenserie eine Expertise folgenden Inhalts mit auf den Weg:
„Ein vornehmer Rotwein, warm und körperreich im Geschmack. Durch seine samtige Art und seinen fruchtigen Charakter ein idealer Essensbegleiter, der mit vielen Speisen harmoniert. (Ein 2- Sterne Koch empfiehlt zum Samtrot gebraten Tauben nach Großmutters Art.)“

Alfred Hofmann, von 1961 bis 1985 Kellereidirektor der WZG in Möglingen, stellte bei einem Samtrot Kabinett fachkundige und philosophische Betrachtungen an:
„Der Name ist beziehungsreich bei diesem Wein, denn das Glas wird umhaucht von einer Fülle von aromatischen Burgunderdüften.
Zeichnerisch können wir uns beim Riechen des Duftstoffe ein Halbrund über dem Wein vorstellen oder einen romanischen Toreingang. Dieser Wein lebt auch im Geschmack von feinen, zarten Aromastoffen und seinen gerundeten Formen. Er hilft allen, die eine künstlerische Begabung haben, beim schöpferischen Tun – oder anders ausgedrückt: Er öffnet das Tor ins Reich der Phantasie.
Er ist auch der rechte Wein für einen gemütlichen, besinnlichen Abend, bei dem das Gespräch auch auf die Philosophie eingehen kann. All diese Wirkungen haben ihre Ursache in den Aromastoffen.

Erst die Aromastoffe
Verzaubern unsere Sinne
Und beflügeln unseren Geist.“


Samtrot der König der Burgunderarten?

Lassen wir nochmals Alfred Hofmann zu Wort kommen:
„Während meiner Weinbauschulzeit 1945/46 und in den Heilbronner Jahren von 1950 bis 1961 war für mich der Clevner die erste Weinliebe wegen seiner zarten, reinen Duft- und Aromastoffe, seiner Ausstrahlung und seiner körperlichen Rundungen.
Der Samtrot lebte in meiner Vorstellung als Junior der roten Burgunderfamilie mit allen Vorzügen der Jugend bzw. der Jugendlichkeit wie Kraft, Vitalität, ausdrucksvolles Aroma. Zudem gefiel sein samtener Gerbstoff und seine Harmonie. Heute ist der Samtrot für mich der schönste Wein der roten Burgunderarten oder der König des Burgunders, sowohl im Reichtum der Duft- und Aromastoffe, in seiner körperlichen Vollkommenheit und seiner wohltuenden Wärme.“

Hermann Schneider jun., Enkel des Samtrot-Entdeckers und von 1990 bis 1998 Vorstandsvorsitzender der Genossenschaftskellerei, hat in einer größeren Rebanlage die Sorten Spätburgunder, Clevner und Samtrot vergleichbar neben einander stehen. Er stuft bezüglich des Mostgewichts der Trauben und der Qualität des Weines Samtrot und Clevner als gleichwertig ein, während der Spätburgunder, auch auf Grund des höheren Ertrages, nicht ganz heranreicht.

Der Clevner blieb mit einer Anbaufläche von rund 25 ha eine Lokalsorte für den Großraum Heilbronn. Der Samtrot erfreut sich hingegen einer landesweiten Ausdehnung. Doch in fragwürdigen Lagen und auf ungeeigneten Böden hat diese wertvolle Rebsorte, im Interesse ihres guten Rufes, nichts zu suchen.

Rotweinexperten rühmen den Samtrot in fachkundiger und gefühlsbetonter Sprache.
Farbe:
Warme, leuchtende Rotweinfarbe – tiefes Rubinrot – schönes Burgunderrot.
Duft:
Ein pikanter Aromareichtum – eine Fülle an intensiven Fruchtaromen – feinste Aromastoffe, die an Rosenduft erinnern.
Geschmack:
Eine schmeichelnde Zartheit – ein großes Potenzial – charaktervolle, feinrassige Substanz – ein vollmundiger Wein – samtige Ausgewogenheit – weiche Tannine – eindrucksvoller Körper – geschmeidige Fülle – viel Extrakt – ausgeprägte Burgundernote – fülliger, körperreicher Wein mit feiner Tanninstruktur – dichter, gut strukturierter Rotwein – samtiger, weicher Charakter – zart in der Frucht – samtener Gerbstoff – wohltuende Wärme.

Samtig, zart, geschmeidig und weich, diese Eigenschaften prägen den Samtrot, wie kaum einen anderen Wein.

Einen Amtsrichter befragt, ob er dem Clevner oder dem Samtrot den Vorzug geben würde erwiderte: "Das ist eine so heikle Entscheidung, dass ich ein Urteil nur dann fällen kann, wenn ich mich mit den beiden Delinquenten mindestens eine Woche in Klausur begebe."


Alfred Hofmann schreibt: „Strahlende Burgunderdüfte lassen
mich mit Homer sagen: Er ist umhaucht von balsamischen Düften und göttlicher Kraft.“

Wenn der englische Weinkritiker Pigott im Lemberger Helden sieht, die in Stein gemeißelt in die Ewigkeit reiten, sehe ich im Samtrot diese Helden auf weiche Daunen gebettet, von zarten Düften umschmeichelt und von feinen Duftaromen liebkost.

Ich möchte dieser Samtrot-Dokumentation noch ein paar Farbtupfer Poesie mit auf den Weg geben.

Über den Burgunder habe ich folgenden Vers geschrieben:

Sieh, wie die Sonne in ihm leuchtet,
wie mild das Feuer ihn durchglüht
und spüre, wie der Duft des Weines
verlockend in die Nase zieht.
So ist`s, wenn ein Burgunderwein
gewachsen ist auf Urgestein.

Zum Samtrot fielen mir diese Worte ein:

Samtrot ein Wein,
der das Auge erfreut.
Samtrot ein Wein,
der die Nase betört.
Samtrot ein Wein,
der den Gaumen umschmeichelt.
Samtrot ein Wein
für zärtliche Stunden.

Wenn der Samtrot auch für Sie ein Wein für zärtliche Stunden ist, so rate ich Ihnen: Entzünden Sie eine Kerze, giessen Sie den Wein in ein geschliffenes Glas greifen Sie zu Kurt Tucholsky`s zauberhafter Liebesgeschichte "Rheinsberg" und genießen Sie lesend und schlürfend, was Geist und Natur an Köstlichkeiten zu schenken vermag.

Januar 2002
Hermann Able