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Wein 2003


Ist das ein Jahr,
das diese Früchte uns beschert
und diesen Wein.
Wo jeder Tau
und jeder Sonnenschein
die Beere nährt.
Wo sich die Wolke in der Glut verzehrt
und wo der Himmel
klar und furchenlos sich wölbt.
Ist das ein Jahr!

 

Seit die Trauben dese Jahrhundertjahrgang 2003 geerntet sind, fragen sich Experten und Weinfreunde: "Wird es auch einen Jahrhundertwein geben?"

Dass uns das Hoch "Michaela" einen Jahrhundertsommer gebracht hat, beweist die Statistik

Könnte der Weinstock reden, würde er mit Ingeborg Bachmann sagen: "Es gibt nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein."
Der französische Dichter Francois Rabelais meinte: "Sonnenschein und Wein passen gut zusammen. Ich lege mein Herz tagsüber in die Sonne, damit es abends durstig ist nach Wein."

Dass die Rebe ein Kind der Sonne ist wussten wir, dass sie imstande ist auch unter extremer Trockenheit ihre Früchte zur Vollkommenheit reifen zu lassen lehrte uns der Sommer 2003, ein Wunder der Natur! Eine göttliche Fügung!
Was haben wir den Himmel mit den Worten der Dichterin Ina Seidel beschworen: "Tropfen flüstern, eilen, süßer Regen regne ohne Ende."
Doch der Himmel wusste, was gut für unsere Trauben war. er brachte nicht den großen Regen, der bei den vorherrschenden Temperaturen eine Fäulnis ausgelöst hätte, wie wir sie 1976 schmerzlich erfahren mussten, denn der Wein dieses großen Jahrgangs verglühte wie ein Fixstern am Weinhimmel, noch ehe er zu strahlen begann.

Wer wissen will, ob der 2003er ein Jahrhundertwein ist, wird sich noch etwas gedulden müssen. Dieses erlesene Gewächs muss noch seine Reise durch die Zeit antreten, ehe es endgültig beurteilt werden kann.Ein großer Dichter wird ihn nicht besingen, wie Wilhelm Hauff den Wein von 1811 besang. Seine Hymne lautete: "Welche Würze des Geruches. Welchen Namen lege ich dir bei, du lieblicher Duft, der aus dem Römer aufsteigt? Nehmet alle Blüten von den Bäumen, pflücket alle Blumen von den Wiesen, führt Indiens Gewürze herbei, besprengt mit Ambra diesen kühlen Keller, löset den Bernstein in bläuliche Wölkchen auf - mischet aus ihnen allen die feinsten Düften, wie gemein, wie unwürdig ist dies alles gegen die zarte Blume deines Kelches."

Es wird auch niemand jenen poetischen Glanz über den Wein 2003 verbreiten, den Kurt Tucholsky den Jahrgängen 1921 und 1917 mit den Worten zukommen ließ: "Ein 21er tief wie ein Glockenton, das ganz große Glück. Das Glück wurde noch durch ein Glanzstück erhöht. Der Wirt holte einen 17er aus dem Fass, der war hell und klar wie ein Frühsommer. Man wurde ganz gerührt; schade, dass man Weine nicht streicheln kann."
Das ist eine faszinierende Aussage, obwohl der Dichter in seiner Schlussfolgerung irrte, denn große Weine kann man streicheln: Mit zärtlichen Gesten die Flasche und das Glas. Mit blumigen Worten seine Aromen und Düfte und mit Gaumen und Zunge die edle Substanz.

Doch warum wird der Wein 2003 von keinem großen Dichter besungen? Weil die Lyrik unserer Tage den wunderbaren Hauch der Poesie vermissen läßt; ihr fehlt der Duft dese Weines.